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Muss noch ein Stifneck als starrer Halswirbelsäulen-Immobilisationskragen (Zervikalstütze) bei Schwerverletzen angelegt werden?

18. Mai 2026 durch
Muss noch ein Stifneck als starrer Halswirbelsäulen-Immobilisationskragen (Zervikalstütze) bei Schwerverletzen angelegt werden?
RescueHEART GmbH (intern), Kamil Beranek

Meine Antwort lautet: Nein, der „Stifneck“ (bzw. der starre Immobilisationskragen) wird heute nicht mehr routinemäßig bei jedem Schwerverletzten angelegt.

In den letzten Jahren hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Man spricht heute eher von Spinal Motion Restriction – also der Einschränkung der Beweglichkeit – statt von einer vollständigen „Immobilisation“.

Hier sind die wichtigsten Gründe und aktuellen Empfehlungen:

1. Keine generelle Empfehlung mehr

Aktuelle internationale und nationale Leitlinien (wie die des European Resuscitation Council 2021) empfehlen das routinemäßige Anlegen einer Zervikalstütze durch Ersthelfer ausdrücklich nicht mehr (Perkins et al., 2021). Es gibt keine qualitativ hochwertigen Studien, die belegen, dass starre Halskragen das neurologische Outcome oder die Sterblichkeit verbessern (Sundstrøm et al., 2013; Maschmann et al., 2019).

2. Risiken und Nebenwirkungen

Der Einsatz von starren Kragen wie dem Stifneck kann bei Schwerverletzten sogar schädlich sein:

  • Erhöhter Hirndruck: Bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma kann der Kragen den venösen Abfluss aus dem Kopf behindern und so den intrakraniellen Druck gefährlich ansteigen lassen (Group, 2018).

  • Atembeschwerden: Der Druck auf den Hals kann die Atemwege einengen oder das Atmen erschweren (Zideman et al., 2021).

  • Druckschäden: Bereits nach kurzer Zeit können schmerzhafte Druckstellen oder Geschwüre entstehen (Sundstrøm et al., 2013; Zideman et al., 2021).

  • Fehlende Stabilität: Studien zeigen, dass ein starrer Kragen allein die Halswirbelsäule nicht vollständig immobilisiert und oft noch erhebliche Restbewegungen zulässt (Group, 2018; Maschmann et al., 2019).

3. Wann wird er noch weggelassen?

Patienten, die wach, ansprechbar und kooperativ sind, keine Nackenschmerzen oder neurologischen Ausfälle haben und nicht unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol stehen, benötigen in der Regel keine Immobilisation (Sundstrøm et al., 2013; Zileli et al., 2020). Diese Patienten stabilisieren ihren Nacken oft instinktiv selbst am besten (sogenannte „Selbstimmobilisierung“) (Zideman et al., 2021).

4. Was sind die Alternativen?

Statt eines starren Kragens setzen Rettungsdienste heute verstärkt auf andere Methoden:

  • Vakuummatratze: Die Stabilisierung des gesamten Körpers (einschließlich des Kopfes mit seitlichen Polstern) auf einer Vakuummatratze gilt als die effektivste Methode zur Ruhigstellung der Wirbelsäule (Group, 2018).

  • Manuelle Stabilisierung: Bei bewusstlosen Patienten wird empfohlen, den Kopf manuell mit den Händen in einer neutralen Position zu halten (z. B. mittels Kopf- oder Trapezklemme), bis eine umfassendere Stabilisierung erfolgt (Perkins et al., 2021).

  • Schonende Rettung: Patienten, die dazu in der Lage sind, können unter Anleitung oft schonender selbst aus einem Fahrzeug aussteigen, als wenn sie mit starren Hilfsmitteln zwangsweise befreit werden (Zideman et al., 2021).

Zusammenfassend: Der Einsatz erfolgt heute sehr viel selektiver. Wenn ein Verdacht auf eine Verletzung besteht, ist die sanfte Stabilisierung (z. B. durch eine Vakuummatratze oder manuelle Fixierung) dem alleinigen Einsatz eines Stifnecks meist vorzuziehen (Group, 2018; Perkins et al., 2021).